Etappen

9. 28.06.2011
Kempten - Buchenberg
10. 29.06.2011
Buchenberg - Weitnau

 

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5. Wessobrunn - Rottenbuch

Kerstin pilgert bis nach Genf Freitag, 24. Juni 2011

29 km / 8 h
Wessobrunn – Forst – Linden – Hohenpeissenberg – Ammerschlucht – Rottenbuch
Ist das nicht langweilig, jeden Tag der gleiche Tagesablauf? Um sieben Uhr aufstehen, frühstücken, seine sieben Sachen packen, den ganzen Tag gehen, Unterkunft beziehen, duschen und Kleider waschen, aufs Nachtessen warten und nach dem Nachtessen bald schlafen gehen. Jeden Tag immer das Gleiche. Nein! Ein regelmässiger Tagesablauf gehört zum Pilgern. Es passt zum Tag, ja zum Leben. Die Natur und auch der Mensch brauchen einen regelmässigen Ablauf, denken wir nur an die vier Jahreszeiten. Es verhindert auch das Aufkommen einer Hektik, es wirkt beruhigend. Der geregelte Zeitablauf gibt Sicherheit und hilft den unbekannten Weg besser zu meistern. Die Eintönigkeit des Tagesablaufes hilft das immer Neuentdeckte besser zu verarbeiten und auch sich besser kennen zu lernen.
Nun auch heute stehe ich so um sieben Uhr auf. Als ich kurz vor acht Uhr zum Frühstück erscheine, bin ich bereits der Letzte der acht Pilger. Aber weil ich alles schon gepackt habe, starte ich als erster auf die Etappe. Der Weg führt über viele Felder, hügelig bis zur imposanten Linde in Linden. Der mehrere Meter dicke Stamm ist schon sehr imposant, so wie ein Mammutbaum im Yosemite Nationalpark! Wie alt ist dieser Baum wohl? Ich schätze mehrere hundert Jahre. Der Weg führt nach weiteren zwei Kilometern schnurgerade durch einen riesigen Wald. Nach einer halben Stunde geradeaus laufen, rechtwinklig links abbiegen und nochmals eine halbe Stunde geradeaus. Plötzlich stehe ich in einem Wohnquartier an einem Berg, den Hohen Peissenberg. Ein steiler Pfad führt durch den Wald, gut 200 Höhenmeter bis zur Kirche und zum Gasthof auf dem Gipfel. Hier geniesse ich die prächtige Aussicht, bis zum Ammersee in der Ferne. In Gedanken gehe ich noch einmal meinem bisherigen Weg nach. In Richtung Süden steht eine Panoramatafel mit den Alpengipfeln von Deutschland und Österreich und den verschiedenen Ortschaften. So kann ich auch in der Ferne mein heutiges Tagesziel Rottenbuch sehen. Nach dem Besuch der schönen Kirche gehe ich im Restaurant Mittag essen. Die nette Serviertochter Martina bringt mir ein Bärlauch Spätzle Topf und einen halben Liter Sprudel. Nach einer Stunde Rast nehme ich den steilen Abstieg unter die Füsse. Von den anderen sieben Pilgern ist weit und breit niemand sichtbar. Unten am Hügel angelangt, durchquere ich das Dorf. Schon nach kurzer Zeit treffe ich eine Pilgerin, die mit einem Labrador unterwegs ist. Sie heisst Kerstin, kommt aus Remscheid in der Nähe von Köln. Sie startete wie ich in München auf den Jakobsweg und möchte bis nach Genf gehen. Kerstin hat einen riesigen Rucksack mit einem Zelt und einiges an Hundefutter. Weil in vielen Unterkünften keine Hunde erlaubt sind, kann Kerstin auf Campingplätze ausweichen. Nun wandern wir gemeinsam weiter über Felder und Wälder, auf wunderschönen Pfaden der wild romantischen Ammerschlucht entgegen. Die Pfade sind matschig vom gestrigen Regen. Es geht im Wald auf und ab, über rutschige Holzstege, ja man muss aufpassen Schritt für Schritt. Für Kerstin mit dem schweren Rucksack und den Hund ist es ziemlich anstrengend und anspruchsvoll. Nach spannenden eineinhalb Stunden in der Schlucht führt der Pfad nun steil hoch auf die Ebene. Übrigens haben wir in der Schlucht auch zwei Radpilger überholt. Die bedauernswerten Kerle mussten die Fahrräder auf dem Pfad mühsam tragen, und zwar zuerst die Fahrräder und nachher noch das Gepäck. Somit durften sie die ganze Strecke drei Mal zurücklegen und werden dieses Unterfangen wohl nie mehr vergessen!
Jetzt sind es nur noch drei Kilometer bis zu unserem Etappenziel Rottenbuch. Durch ein Tor erreichen wir die grossartige Kirche und holen dort direkt einen Stempel. Ich verabschiede mich von Kerstin und wünsche ihr buen camino für den weiteren Weg. Sie wandert weiter zum Campingplatz etwas ausserhalb des Ortes. Im Gasthof nahe bei der Kirche ist bereits alles voll, also konsultiere ich mein Unterkunftsverzeichnis und nach einem kurzen Telefon reserviere ich im Landgasthof Mosbeck-Alm etwas abgelegen und etwa zwei Kilometer vom Weg entfernt ein Einzelzimmer. Auf dem Marsch dorthin rufe ich wieder einmal nach Hause an. Die hatten ja echt Panik, weil mich zwei Tage nicht gemeldet habe. Wie fast immer auf dem Jakobsweg schaltete ich mein Handy während des Tages aus. Aber nun ist alles okay, und ich verspreche, täglich wenigstens ein SMS zu schreiben. Um halb sechs Uhr treffe ich in der schönen Unterkunft ein. Der etwas weitere Weg hat sich sehr gelohnt. Das Zimmer ist heimelig eingerichtet, hier könnte ich noch länger bleiben. Wie immer duschen, Kleider waschen und nun freue ich mich aufs Nachtessen und auf ein kühles Bier.
Das war eine beispielhafte super Pilgeretappe! Der Weg bot alles, was das Pilgerherz begehrt. Schöne Wege über Felder und durch Wälder, lange kilometerweite, spirituelle Geraden. Aber auch steile Auf- und Abstiege, anspruchsvolle, matschige Wege und natürlich eine nette Begegnung und am Schluss zur Belohnung die tolle Unterkunft. Ich gehe relativ früh ins Bett und draussen beginnt es prompt recht stark zu regnen. Wie geht es wohl Kerstin mit ihrem Labrador im Zelt? Am Morgen wird wohl alles nass sein und das Zelt muss erst getrocknet werden, sonst ist es noch viel schwerer.